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Mittwoch, 11.01.2023 um 12:15

Bundeschampion auf Abruf?

Positiver Medikationsfall beim Bundeschampionat 2022
© honorarfreie Nutzung des Bildes

Seit geraumer Zeit verdichteten sich die Hinweise auf einen Fall unerlaubter Medikation beim Bundeschampionat 2022. Nun sickern immer mehr Details durch. Augenscheinlich dürfte der Bundeschampion der vierjährigen Reitpferdehengste, San to Alati betroffen sein. Die fragliche Substanz, auf die der Hengst mutmaßlich positiv getestet worden sein soll, scheint der Wirkstoff Firocoxib zu sein. Firocoxib ist bereits bekannt aus dem Jahr 2017, als die Substanz zu einem positiven Befund bei Julia Krajewskis Samurai du Thot bei den Europameisterschaften in Strzegom führte.

San to Alati, der noch vor wenigen Tagen recht geräuschvoll und werbewirksam die Station wechselte, hatte nach dem Titel des Hannoveraner Reitpferdechampions der vierjährigen Hengste auch in Warendorf Publikum und Richter begeistern können und den Titel des Bundeschampions erlangt. Der Sohn des Secret – Belissimo der in Verden noch unter der Besitzergemeinschaft Klose/Hess in den Starterlisten geführt wurde, stammt aus der Zucht von Kerstin Klose und steht mittlerweile im Besitz von Bernadett Brune.

Die Hengsthalterin, Bernadett Brune, die noch am 06. Januar ihren Hengst San to Alati in den sozialen Netzwerken mit der Klassifizierung Bundeschampion beworben hatte, äußerte sich auf unsere detaillierten, schriftlichen Fragen wie folgt: „Grundsätzlich sind wir bereit der Presse, jedenfalls soweit sie von Ihnen persönlich repräsentiert wird, Auskünfte zu erteilen. Derzeit möchten wir dies gleichwohl nicht, weil die FN aktuell noch ermittelt. Es wäre nach unserer Meinung ein respektloses Verhalten, wenn wir in einem solchen Verfahrensstadium unsere Sichtweise zuerst gegenüber der Presse und danach erst gegenüber den Ermittlern äußern würden. Sobald wir uns gegenüber der FN äußern, kontaktieren wir Sie.“

Damit bleibt auch unsere konkrete Frage, ob ausgeschlossen werden kann, das San to Alati im Zentrum eines Verfahrens unerlaubter Medikation im Zusammenhang mit den Bundeschampionaten 2022 steht, unbeantwortet.

Auf unsere schriftliche Anfrage an die Reiterin von San to Alati, Marike Mimberg-Hess, die San to Alati als Krankheitsvertretung in Verden und Warendorf vorgestellt hatte, erreichte uns eine Stellungnahme von Dr. Anne Schmidt, Rechtsanwältin in der Kanzlei Dr. Bemmann, Kruschke und Kollegen in Verden, die uns mitteilt, in dem Disziplinarverfahren gegen Mareike Mimberg-Hess habe die Kanzlei deren Verteidigung übernommen. Wörtlich heißt es dort: „Mareike Mimberg-Hess wird in einem sportrechtlichen Ordnungsverfahren von uns verteidigt. Sie schrieben unsere Mandantin per E-Mail an und baten um die Beantwortung einiger Fragen. Obwohl Ihre Fragestellungen besonders sachlich erscheinen, bitten wir um Verständnis dafür, dass unsere Mandantin auf den Großteil der Fragen derzeit nicht eingehen wird. Wir können Ihnen lediglich bestätigen, dass das Pferd zu keinem Zeitpunkt bei unserer Mandantin im Stall stand. Zu den anderen Fragen werden wir uns gegenwärtig nicht äußern. Denn das Verfahren befindet sich noch im Ermittlungsstadium. Zu einem solchen Zeitpunkt wäre es schlechter Stil, wenn wir für unsere Mandantin bereits eine Verteidigung über die Presse vornehmen, wenn wir noch gar nicht gegenüber der Ermittlungsbehörde eine Stellungnahme abgegeben haben und auch noch gar nicht feststeht, ob das Verfahren vor dem Schiedsgericht (Disziplinarkommission) verhandelt wird.“

Warum bis heute noch keine offizielle Verlautbarung des Ergebnisses erfolgte, wurde von unserer Redaktion bei der FN angefragt. Grundsätzlich wurde uns erklärt, das positive Befunde nach Probenentnahme nicht kommuniziert werden. Frau Constanze Winter, Justitiarin der FN antwortet uns auf Nachfrage, dass sie für die FN zu Fragen einzelne Pferde betreffend selbstverständlich keinerlei Auskunft geben könne. Grundsätzlich jedoch sei die FN immer an einer Straffung der Verfahren interessiert und strebe diese an. Die in der Vergangenheit erfolgte Praxis der Veröffentlichung von Disziplinarverfahren sei derzeit ausgesetzt, da hier die zugrunde liegenden Verbandsstatuten mit der Deutschen Datenschutzgesetzgebung kollidieren. Nur in Einzelfällen mit einem herausgehobenen, öffentlichen Interesse könne davon abweichend dennoch informiert werden. Allerdings erst auf Grundlage einer gerichtsfesten Datengrundlage. Auch die Frage, ob denn ausnahmslos alle frisch gekürten Bundeschampions automatisch beprobt würden haben wir gestellt. Dr. Henrike Lagershausen, Leiterin der Abteilung Veterinärmedizin der FN erklärt uns dazu: „Auf den Bundeschampionaten werden über die Tage hinweg 50-70 Medikationskontrollen entnommen.

Die Auswahl der Pferde erfolgt über alle Disziplinen hinweg und ist in der Regel zufällig. Das bedeutet, es wird jeweils das Pferd ausgewählt, welches sich bei Ankunft der auswählenden Person am jeweiligen Prüfungsplatz in dem Moment im Viereck bzw. im Parcours befindet.

Nach Abschluss der Medikationskontrolle wird das nächste Pferd ausgewählt. Da jede Probennahme unterschiedlich lange dauert, kann nicht vorhergesehen werden, wann das nächste Pferd ausgewählt wird. Muss für die Auswahl des nächsten zu beprobenden Pferdes eine Siegerehrung abgewartet werden, wird der Fokus bei der Auswahl auf den Sieger bzw. die Pferde auf den Medaillenrängen gelegt. Auf Grundlage dieses Beprobungssystems werden nicht zwingend alle Bundeschampions beprobt.“

Auf Nachfrage ob denn generell ein positiver Probenbefund bestätigt werden kann, antwortet uns Constanze Winter von der FN: „Auf Ihre Frage kann ich Ihnen mitteilen, dass im Rahmen der Bundeschampionate 2022 Medikationsproben entnommen wurden, in Bezug auf die von unserem Analyselabor positive Analyseergebnisse zurückgemeldet wurden. Diese Fälle befinden sich derzeit in der Bearbeitung durch die zuständigen Abteilungen und Verbandsgremien.“

Während positive Ergebnisse von Dopingproben also grundsätzlich nicht kommuniziert werden, werden die negativen Probenergebnisse durchaus veröffentlicht. Die diesbezügliche Auflistung umfasst für das Bundeschampionat 2022 insgesamt 72 negative, also unbelastete Probenergebnisse. Der Name San to Alati findet sich nicht in diesem Dokument.

 

Bei Firocoxib handelt es sich um eine Substanz, die schmerzstillend und entzündungshemmend wirkt. Als Indikation sind in veterinärmedizinischen Datenbanken beim Pferd unter dem Stichwort Bewegungsapparat angegeben:

-              Behandlung von Schmerzen und Entzündungen bei der Osteoarthritis / Arthrose (FDA 2005a; Doucet 2008a)

  -            Zur Linderung von muskuloskelettalen Schmerzen und Lahmheiten aufgrund einer Osteoarthritis (Orsini 2012a). Die Wirksamkeit von Firocoxib ist dabei vergleichbar mit derjenigen von Phenylbutazon (Knych 2017a).

 Unter dem Stichwort Viszerale Schmerzen

-              Firocoxib eignet sich zur Behandlung viszeraler Schmerzen und kann einen vorteilhaften Effekt auf die Genesung nach einer intestinalen Ischämie haben (Cook 2009a). – Auszug aus Clinipharm/CliniTox, Institute of Pharmacology and Toxicology, Vetsuisse Facultät der Universität Zürich.

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