Schlauchgeräusche beim Pferd
Was wirklich hinter dem rhythmischen Geräusch steckt
• Schlauchgeräusche entstehen durch Luftbewegungen im Schlauch und sind in der Regel kein Hinweis auf eine Erkrankung.
• Übermäßiges Waschen reizt die empfindliche Haut und beseitigt die Ursache des Geräuschs nicht.
• Eine tierärztliche Untersuchung schafft Klarheit und kann nebenbei Veränderungen frühzeitig aufdecken.
Viele Pferdebesitzer erschrecken, wenn ihr Wallach oder Hengst beim Traben ein rhythmisches, saugendes oder hohles Geräusch von sich gibt. Da es exakt im Takt der Bewegung auftritt, wird das sogenannte Schlauchgeräusch häufig für ein Atemproblem gehalten. „In den allermeisten Fällen handelt es sich jedoch um ein völlig harmloses mechanisches Phänomen“, erklärt Dr. Olivier Brandenberger, Dipl. ECVS, Fachtierarzt für Pferdechirurgie und Chefarzt der Hanseklinik für Pferde sowie Spezialist für Atemwegserkrankungen des Pferdes.
Nicht alles, was wie Atmung klingt, kommt aus den Atemwegen
Obwohl Schlauchgeräusche zum Alltag vieler Wallache und Hengste gehören, sind sie wissenschaftlich bislang nur wenig untersucht. „Viele Erkenntnisse beruhen deshalb bis heute auf langjähriger klinischer Erfahrung“, sagt Dr. Brandenberger. „Deshalb ist es wichtig, harmlose Schlauchgeräusche sicher von Atemwegsgeräuschen oder anderen Veränderungen abzugrenzen.“
Die Ursache liegt in der besonderen Anatomie männlicher Pferde. Der Penis liegt in Ruhe im Präputium, dem sogenannten Schlauch. Während der Bewegung – insbesondere im gleichmäßigen Zweitakt des Trabes – arbeiten Bauch- und Rückenmuskulatur rhythmisch zusammen. Dabei wird Luft in die Hauttasche gesogen und wieder herausgedrückt, so entsteht das typische Schlauchgeräusch. Befindet sich zusätzlich viel oder zähes Smegma im Schlauch, kann sich der Klang verändern und schmatzend oder klatschend wirken. Immer wieder suchen Pferdehalter die Ursache in Rückenverspannungen oder bringen das Geräusch mit Hormonen in Verbindung. Nach den Erfahrungen von Dr. Brandenberger trifft jedoch beides nicht zu. Auch die Vermutung, das Geräusch verursache Schmerzen, teilt der Pferdechirurg nicht. „Ich beobachte Schlauchgeräusche besonders häufig bei Pferden, die locker und entspannt an der Longe traben. Für mich spricht das dafür, dass sie in aller Regel schmerzfrei sind“, sagt er.
Weniger reinigen, genauer hinschauen
Viele Besitzer versuchen, das Geräusch durch häufiges Waschen zu beseitigen. Doch genau das ist nach Einschätzung des Experten oft kontraproduktiv. „Die eigentliche Ursache ist die Luftbewegung – und die lässt sich nun einmal nicht wegwaschen“, so Dr. Brandenberger. Eine behutsame Reinigung mit klarem Wasser etwa einmal im Monat oder nach Bedarf genügt in der Regel vollkommen. Zu häufiges Auswaschen kann dagegen die empfindliche Haut reizen und das natürliche Gleichgewicht im Schlauch stören. Ein Tierarzt sollte das Pferd dagegen untersuchen, wenn Probleme beim Ausschachten oder Urinieren auftreten oder der Schlauch unangenehm riecht. Diese Symptome haben mit dem harmlosen Schlauchgeräusch nichts mehr zu tun und sollten tierärztlich abgeklärt werden.
Ein harmloser Anlass mit großer Wirkung
Dass sich eine Untersuchung trotz meist harmloser Ursache lohnen kann, zeigt ein Fall aus der Hanseklinik für Pferde. Ein älterer Wallach wurde ausschließlich wegen seiner Schlauchgeräusche vorgestellt. Bei der Untersuchung entdeckte Dr. Brandenberger an der Penisspitze eine kaum sichtbare, rötliche Veränderung. Die Diagnose lautete auf ein frühes Plattenepithelkarzinom, einen bösartigen Hauttumor. Weil der Befund in einem frühen Stadium erkannt wurde, konnte er erfolgreich entfernt werden. „Die Schlauchgeräusche hatten mit dem Tumor nichts zu tun“, betont der Pferdechirurg. „Aber ohne die Untersuchung wäre die Veränderung wahrscheinlich deutlich später entdeckt worden.“
Gerade ältere Wallache sowie Pferde mit heller, unpigmentierter Haut im Genitalbereich tragen ein erhöhtes Risiko für diese Tumorart. Wer den Schlauch gelegentlich reinigt, sollte die Gelegenheit nutzen, Penis und Schlauch kurz auf Veränderungen zu kontrollieren. Nicht aus Sorge, sondern als einfache Vorsorgemaßnahme.
Wenn Sie weitere Fragen zu Schlauchgeräuschen oder anderen häufig missverstandenen Erkrankungen und Befunden beim Pferd haben, wenden Sie sich gern an uns. Wir vermitteln Ihnen Interviews mit den Spezialist:innen der Hanseklinik für Pferde.
Weitere Informationen zum Behandlungsspektrum finden Sie auf der Website der Hanseklinik für Pferde.
Über die Hanseklinik für Pferde
Die Hanseklinik für Pferde in Sittensen zählt europaweit zu den führenden Spezialkliniken für Augenheilkunde und Kehlkopfchirurgie. Darüber hinaus umfasst das Leistungsspektrum Orthopädie, Chirurgie, Innere Medizin, Zahnheilkunde sowie die Notfallversorgung von Pferden. Mit spezialisierten Fachbereichen, moderner Diagnostik und innovativen Therapieverfahren betreut das erfahrene Team Sport-, Zucht- und Freizeitpferde aus dem In- und Ausland.
(PM)