Paris: Deutsche Springreiter führen die Mannschaften ins Finale
Der deutsche „Freudentaumel“ bei den Olympischen Spielen geht weiter oder anders gesagt Emotionen, Spitzensport und Überraschungen beschreiben die erste Prüfung der Springreiter. Dabei zeigte sich das deutsche Team um Richard Vogel, Christian Kukuk und Philipp Weishaupt bärenstark und zieht mit weißer Weste ins morgige Mannschaftsfinale ein.
Geschlossene Mannschaftsleistung
Den Olympischen Spielen entsprechend zeigte sich der Parcours des ersten Springens in Paris als technisch äußerst anspruchsvoll. Der Parcours erstreckte sich über 525 Meter und führte über 14 Hindernisse, wobei Hindernis fünf eine Kombination war und kurz vor Ende des Parcours die Springreiter noch eine Dreifache erwartete. Diese und auch der Wassergraben aus gebogener Linie entpuppten sich als eine der Klippen des heutigen Parcours. Auch die Zeit von 79 Sekunden musste man im Auge behalten. Das alles stellte für das deutsche Team keinerlei Herausforderung dar. Den Auftakt machte Christian Kukuk, der mit seinem 14-jährigen Westfalen-Wallach Checker von Comme il Faut - Come on eine äußerst souveräne Runde zeigte. Dabei bestach der Wallach mit höchster Motivation und Vorsicht. Entsprechend zufrieden zeigte sich der 34-jährige Bereiter aus dem Stall von Ludger Beerbaum nach seinem Ritt: „Ehrlich gesagt, bin ich super happy. Alles ist eigentlich nach Plan gelaufen, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Die erste Runde ist ja immer eine der aufregendsten und nicht gerade einfachsten, aber ich glaube, das haben wir super hingekriegt. Das gibt meinen Teamkollegen hoffentlich nochmal ein bisschen Sicherheit, dass schon mal die Null da in der ersten Runde steht. Und ich glaube, dass wir fokussiert bleiben. Aber auch hochmotiviert bleiben dürfen.“ Zum Parcours sagte er: „Ich muss sagen, beim Abgehen habe ich gedacht, wow, das ist für den ersten Tag schon wirklich sportlich. Von der Höhe her, dass man sagt: Gut, hoch genug. Ich finde es sehr technisch. Das sind ein paar Linien, auf denen es Schlag auf Schlag kommt und wo man schon wirklich am Sprung ganz fokussiert auf den nächsten sein muss und auf die Linie. Ob man innen bleibt oder ob man außen bleibt auf der Linie, also zum Beispiel am Wassergraben oder die Linie auf die Mauer. [ ] Da sind viele Variablen da, das macht es immer nicht einfacher, wenn man zu viel ins Überlegen kommt, aber ich hatte einen Plan und alles ist so gekommen, wie ich es mir vorgenommen hatte, und deswegen bin ich happy.“ Der zweite deutsche Reiter, Philipp Weishaupt, meisterte den Parcours im Sattel seines ebenfalls hochmotivierten zehnjährigen westfälischen Wallachs Zineday v. Zinedine – Polydor in völliger Leichtigkeit, gar zeigten die beiden einen Bilderbucht-Ritt. Der Vize-Europameister von 2023 resümierte: „Wenn Zineday so in Schuss ist, ist das Reiten nicht so schwierig. Er fühlt sich unglaublich an. Ich habe echt das Gefühl, er merkt, dass das hier etwas Besonderes ist. Der wächst so über sich hinaus, er hat nochmal ein PS mehr hier, als ob er die Atmosphäre auch merkt. Es hat richtig Spaß gemacht. Da war nicht ein Sprung dabei, wo man denkt, oh Gott, oh Gott. Und dann macht es einfach Spaß.“ Last but not least folgte Richard Vogel. Sollte der Baden-Württemberger an die starken Leistungen seiner Teamkollegen anknüpfen können? Die Antwort ist ganz klar ja. Fast schon in einem lockeren Galopp schnurrten sie sich durch den Parcours und, jetzt kommt das kleine Aber, machten es am letzten Sprung noch einmal gewaltig spannend. Hier passte die Distanz überhaupt nicht, aber der einfach gewaltig springende, zwölfjährige westfälischer Hengst United Touch S v. Untouched – Lux „rettete“ es und bescherte dem deutschen Team die dritte Nullrunde. Dennoch eine bravouröse, olympische Premiere für Richard Vogel und auch Richard Vogel selbst resümierte zufrieden: "„Natürlich sind die Olympischen Spiele was ganz Besonderes, man arbeitet schon anders daraufhin. Ich glaube, es gibt kein anderes Turnier in unserem Sport, auf das man so fokussiert schon seit Langem, seit vielen Monaten darauf hinarbeitet und so als Höhepunkt im Visier hat. Das ist für uns gut. Wir müssen fast jede Woche unter Druck performen, wir sind das geübt. Hier ist tatsächlich nochmal ein bisschen ein anderer Pressure dahinter, aber das hält den Fokus hoch und ich glaube, alle drei Reiter haben gezeigt, dass wir nicht nervös oder aufgeregt reiten, sondern sehr fokussiert sind, ja nahezu eins sind mit dem Pferd. Die deutschen Runden waren super harmonisch, es gab nirgends einen Wackler. Das stimmt uns optimistisch und lässt hoffen auf morgen.“. Das deutsche Team lieferte im heutigen Springen die einzige Nullrunde, was für ein beeindruckender Sensationsauftakt!
Was macht der Rest?
Insgesamt entpuppte sich das erste Pariser Springen als echter Krimi, was aber auch schon vor dem Springen klar war oder wie es Bundestrainer Otto Becker im Vorhinein zusammenfasste: "Es ist im gesamten Springsport sehr eng und global geworden und bei diesem olympischen Modell mit nur drei Reitern pro Team kommt es auf jeden Moment an. Wenn man einen schlechten Parcours oder nur eine schlechte Linie erwischt, kann es schon sein, dass man gar nicht im Finale der besten Teams dabei ist. Und nachher im Finale: Zehn Teams, ohne Streichergebnis und es fängt bei null wieder an – da darf man sich überhaupt keine Schwäche erlauben. Man hat keine Möglichkeit mehr, etwas auszubügeln. Von den zehn Nationen im Finale sind wahrscheinlich acht realistisch in der Lage zu gewinnen. Ich sehe allerdings schon die Franzosen im eigenen Land als Hauptkonkurrenten und die Iren, die dieses Jahr sehr gut unterwegs sind." Der deutschen Equipe am dichtesten auf den Fersen waren die Amerikaner (sechs Strafpunkte), die Briten (acht Strafpunkte), die Belgier (acht Strafpunkte), die Holländer (acht Strafpunkte) und die Iren (neun Strafpunkte). Frankreich musste zunächst kurz um den Einzug ins Finale bangen. Schlussreiter Julien Epaillard wurde dann aber im Sattel von Dubai du Cedre vom begeisterten französischen Publikum zu einer Nullrunde getragen, was auch mit einem Finalticket für das Gastgeberland verbunden war. Auch Schweden zeigte sich wenig überraschend stark. Während Henrik von Eckermann mit King Edward die erste (absolut souveräne) Nullrunde lieferte und sein Teamkollege Rolf-Göran Bengtsson mit Zuccero nachzog, hatte Peder Fredriscon mit Catch me Not an der Mauer ein kleines Missverständnis, woraus ein Stopper resultierte. Dennoch muss auch dieses Team im Finale auf der Rechnung haben. Ebenso wird man Israel und Mexiko im Finale wiedersehen. Erstere gelang eine kleine Überraschung. Als eine große Überraschung entpuppten sich die Schweizer. Die für eine Medaille hochfavorisierte Mannschaft aus der Schweiz verpasste mit Platz zwölf den Einzug ins Finale. Das hätte vor dem heutigen Springen wohl kaum einer gedacht.
So geht’s weiter
Nach dem heutigen Qualifikationsspringen treten die zehn besten Mannschaften dann im Finale an. Den Einzug ins Finale der Mannschaftsentscheidung haben die folgenden Nationen geschafft:
- Deutschland
- USA
- England
- Belgien
- Holland
- Irland
- Frankreich
- Schweden
- Israel
- Mexiko
- Spanien
Im morgigen Finalspringen über zwei Umläufe geht es für alle Mannschaften von Null los. Und auch hier wird gelten: Da jedes Team nur aus drei Reitern besteht, gibt es auch kein Streichergebnis. Hier giltmit Sicherheit: die Finalisten haben allesamt das Zeug für eine Medaille und die Tagesform wird wie bei der Mannschaftsentscheidung der Dressurreiter über die Medaillen entscheiden.