Paris: Das deutsche Dressurteam holt Gold
Drop it like it’s hot, wie es der heute im atemberaubende Stadion vor dem Schloss Versaille anwesende US-Rapper Snoop Dog beschreibt oder auch knapp, knapper, am knappesten – die Mannschaftsmedaillenentscheidung bei den Olympischen Spielen hätte nicht spannender sein können. Am Ende sicherte sich das deutsche Team um Jessica von Bredow-Werndl, Isabell Werth und Frederic Wandres die Goldmedaille.
Wandres legt Basis
Schon vor dem Beginn des Grand Prix Specials stand fest, dass es spannend wird und die Tagesform entscheidet. Und so bewahrheitete es sich auch. Dabei setzte gleich zum Auftakt die erste britische Mannschaftsreiterin, die eigentliche Ersatzreiterin Becky Moody mit ihrem selbstgezogenen Jagerbomb große Ausrufezeichen und brachte das britische Team mit 76,4 Prozent zunächst einmal in Führung. Frederic Wandres und Bluetooth zeigten eine sehr harmonische Runde mit Highlights in den gleichmäßigen Passagen, den ausdrucksvollen Trabtraversalen und den guten Verstärkungen sowie den daraus folgenden durchlässigen Übergängen. Ein kleines Aber gab es, und zwar auf der Mittellinie. Zuerst zeigte sich ein Wechsel der Einerwechsel nicht sicher durchgesprungen und auch in der zweiten Galopppirouette zeigte sich daraus folgend ein Schwungverlust. Das kostete Punkte und die vorzeitige Führung des Teams. Dennoch standen 75,9 Prozent auf der Anzeigetafel, was eine gute Basis für den später folgenden Gold-Erfolg bedeutete. „Ich war überrascht, als ich beim Reinreiten gesehen habe, dass Daniel Bachmann auch 75,9 hatte und dann dachte ich, Moment mal, jetzt schon wieder 75,9 also das ist ja jetzt wirklich knapp, so ganz mini mini, wahrscheinlich ein halber Punkt ist es am Ende dahinter“ sagte Wandres nach seinem Ritt. Grundsätzlich sei er aber erst einmal happy, gezeigt zu haben, "dass ich konstant meine Nummer liefere im Grand Prix und jetzt im Spezial". Wandres fügt hinzu: "Natürlich hat jetzt nicht irgendjemand damit gerechnet hat, dass ich hier 80 Prozent reite, das kann man jetzt auch so sagen. Aber dafür reite ich auch nicht 70 und liefere eben konstant meine Nummer. Das ist, wenn es um eine Teamentscheidung geht auch sehr wichtig, dass man weiß, dass die drei, die da reiten, die sind, die egal zu welcher Uhrzeit, ob es 30 Grad hat oder hagelt wirklich in der Lage sind, ihre Nummer abzuliefern. Und das habe ich, glaube ich, zwei Tage gut gezeigt und bin sehr happy." Daniel Bachmann-Andersen hatte sich mit Vayron und 75,9 Prozent vor Wandres gesetzt.
Den Spieß rumgedreht
Als zweite Teamreiterin bewies Isabell Werth mit ihrer wunderbaren Wendy de la Fontaine Nerven und drehte im wahrsten Sinne des Wortes den Spieß um. Die bereits siebenfache Goldmedaillengewinnerin bei Olympischen Spielen zelebrierte ihre zehnjährige Rappstute erneut mit Höhepunkten in der Piaff-Passage-Tour, sehr guten Übergängen, weitkreuzenden Trabtraversalen, kleinsten Galopppirouetten und das alles bei absoluter Leichtigkeit. Damit kratzte sie zunächst an der 80er Marke. Lediglich in den Einerwechseln zwischen den Pirouetten passierte dann ein Fehler, was die beiden mit einer starken letzten Mittellinie jedoch wieder etwas ausgleichen konnten. Am Ende lautete das Ergebnis 79,894 Prozent – ihre gemeinsame Bestleitung im Grand Prix Special –, mit denen sie das deutsche Team zur Spitzenposition verhalfen. "Wenn jetzt diese Mittellinie nicht ausreicht beziehungsweise daran Schuld ist, dass uns ein halbes Prozent fehlt, dann bohr ich mich in den Boden", sagte Isabell Werth in den Ritt und erläuterte weiter: "In Aachen bin ich ein bisschen zu groß rein und hier bin ich ein bisschen zu klein rein. Und beim nächsten Mal wird es wohl klappen, aber das hilft jetzt nicht hier für Paris. Nein, es ist natürlich immer noch mal ein bisschen die Feinabstimmung. Ich wollte einfach die Kontrolle behalten. Es lief super bis dahin. Ich glaube es ist eine Kleinigkeit. Sie (Wendy) hat bis dahin ganz viel wettgemacht mit allem anderen. Überall sieht man die Weiterentwicklung und das weitere Zusammenfinden und dass das Pferd sich auch immer mehr präsentiert. Ich fand auch die Piaff-Passage-, die ganze Galopp-Tour und die Pirouetten wirklich super. Die Kleinigkeit muss ich jetzt mal abschlucken." Denn auch die Dänen konnte in der zweiten Runde mit Nanna Skodborg Merrald und ihrem über 1,80 Meter großen Oldenburger Fuchswallach Zepter (v. Zack – Wolkentanz I (Züchter: Bernhard Sieverding) punkten. Jedoch musste auch dieses Paar einen Fehler in den Wechseln hinnehmen und kam am Ende auf 78,480 Prozent. Damit blieb es bei Dänemark mit 154.453 Punkten bei Platz zwei, denn der zweite britische Reiter, Carl Hester mit Fame, konnte zwar seine Teamkollegin Becky Moody knapp überrunden, wegen kleiner Patzer, wie ein Angaloppieren im starken Trab, und einer etwas mäßigen Schritttour kam er jedoch nicht über 76,520 Prozent hinaus. Mit insgesamt 153,009 Punkten rangieren die Briten damit vor der letzten und entscheidenden Runde der dritten Teamreiter auf Platz drei.
Jessi macht den Sack zu
Wenn man dachte, dass es wohl kaum spannender werden könnte, irrte man sich nach den ersten beiden Mannschaftsreitern gewaltig. Cathrine Laudrup-Dufour gelang mit Freestyle eine Sensationsrunde, die mit 81,2 Prozent Deutschland, genauer gesagt Jessica von Bredow-Werndl gehörig unter Druck setzte. Jessica von Bredow-Werndl und TSF Dalera begannen darauf gewohnt stark. Gut ausgehaltene Passagen, energische Verstärkungen und durchlässige Übergänge führten zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen im Zwischenscore. Doch dann kam es zu einem Schreckmoment. Beim Übergang vom Schritt in die Piaffe stockte die sonst so harmonische Kommunikation zwischen Pferd und Reiterin aber. Es dauerte einen kleinen Moment bis Jessica von Bredow-Werndl die Trakehnerstute wieder im Takt waren. Im weiteren Prüfungsverlauf leisteten die beiden sich keinen weiteren Fehler und punktete unter anderem einmal mehr in den Galopppirouetten. Auf der Schlusslinie punkteten die beiden noch einmal gewaltig und tanzten sich damit zu 79,9 Prozent und der Mannschaftsgoldmedaille vor Dänemark und England. "Man kriegt das mit, aber das ist in dem Moment nicht mehr im Kopf. In dem Moment geht es nur um das Hier und Jetzt und darum, das abzuliefern, was abzuliefern geht", erklärte Jessica von Bredow-Werndl, wie sie mit dem Ergebnis der Dänin umgegangen war und berichtete weiter: "Wir hatten leider ein wahnsinnig großes Missverständnis, einmal im Übergang (vom Schritt zur Piaffe), das war extrem teuer, weil das zwischen zwei Lektionen war, die doppelt zählen. Aber, oh, diesen Krimi wollte ich nicht, muss ich zugeben. Ich hätte es gerne ein bisschen unspannender gemacht. Aber jetzt kann keiner mehr sagen, Dressurreiten sei langweilig!" Nach der kleinen Panne sei alles wieder nach Plan gelaufen: "Es ist halt so, wir sind Lebewesen, Dalera ist auch nur ein Mensch und es hat einfach einen Beinsalat gegeben und danach war wieder alles in Ordnung.“ Isabell Werth schilderte, wie sie es den letzten Ritt von außen erlebt hatte: "Ich dachte, oh, es reicht nicht, es reicht nicht! Ach, es ist super! Wunderbar! Ich glaube, es hat noch nie eine knappere Entscheidung gegeben in einer Mannschafts-Entscheidung. Es ist mega, super! Wir haben super zusammengehalten und jeder hat jeden Punkt dem anderen gegönnt und wir haben echt gezittert bis zum Ende. Mein Gott, war das spannend!!" Frederic Wandres gestand später: Wir sind beim Halten und Grüßen rausgelaufen und haben uns schon eigentlich mit der Silbermedaille angefreundet, zumindest für 30 Sekunden. Bis dann der Jubel irgendwie aufkam. Auch Bundestrainerin Monica Theodorescu fiel ein großer Stein vom Herz: „"Es fühlt sich noch etwas unrealistisch an in diesem Moment, aber ich bin unheimlich stolz auf meine Reiterinnen und Freddy. Ganz, ganz toll! Ich hatte ein bisschen Schnappatmung während Jessis Prüfung. Aber sie hat es super zu Ende gebracht, hat die Nerven behalten. Dalera wollte angaloppieren, Jessi hat sie pariert und dann dauerte es ein bisschen bis sie in die Piaffe kam. Aber ansonsten war sie überragend. Jeder hatte so eine Kleinigkeit drin - Isabell hat einen Einerwechsel auf der Mittellinie nicht ganz durchgesprungen, Freddy einmal leicht umgesetzt in der Rechts-Pirouette. Gott sei Dank hat Bluetooth wieder die richtige Koordination gefunden. Ansonsten, alle drei sind ganz toll geritten. Ja es hat knapp, knapp, knapp, knapp gereicht. Hurra!“
Morgen geht es für die Dressurreiter ins Finale, der Grand Prix Kür. Hier werden die Einzelmedaillen vergeben.